STIMMEN – HÖREN

Stimmenhören beeindruckt die Menschheit seit Jahrtausenden. Es gibt eine Reihe von bedeutenden Persönlichkeiten, die Stimmen hörten: Hildegard von Bingen, die Jungfrau von Orleans, Gotthold Ephraim Lessing, u.a. Etwa jeder zwanzigste Mensch macht einmal im Leben eine solche Erfahrung. Nicht selten wird Stimmenhören im Rahmen von psychiatrischen Erkrankungen als Symptom diagnostiziert, und Stimmenhören ist tatsächlich eines der häufigsten Symptome von schizophrenen Psychosen.

Hier ein schriftliches Dokument eines Stimmhörers:

„ Ich litt sehr oft unter Stimmenhören. Zuweilen trieben sie mich dazu etwas zu tun oder zu unterlassen. Alles begann harmlos: ein Gedanke und noch ein Gedanke, plötzlich ein seltsamer Druck auf der Brust, ein Ziehen im Kopf und ich wusste nicht mehr, wie ich die Gedanken in Zaum halten sollte. Da vernahm ich Namen, auch den eigenen und wie mit einem Schlag wurde eine Art Kommunikation getrieben. Zuerst in simplen, aber aggressiven Aussprüchen, wie: `Das tun sie  nicht noch einmal´, oder `Das wird nicht gehen´ und so fort. Es war dann schwer sich abzulenken, denn je mehr ich dies versuchte, umso stärker wurde der Druck auf der Brust, der sich in eine innere Antriebslosigkeit verwandelte. Zuerst wollte ich mich dagegen wehren, aber zugleich fragte ich mich: Wie soll das geschehen. Doch dann begann ich ebenso innerlich zu reden, manchmal in dem ich klare Worte suchte, manchmal gleichsam befehlerisch: `Ruhe´. Aber das Gerede wurde nur stärker. `Geben sie doch nach´, vernahm ich dann oft innerlich. Und ich tat es. Ich legte mich nieder und bemühte mich zu entspannen. Dann und wann brach noch einmal ein Gezänk in mir los, dass ich nur noch wahrnahm, ohne mich daran zu beteiligen. Dann legten sich die Stimmen.“

 

Und da Stimmenhören mit Unheimlichkeit und Gefährlichkeit assoziiert wird, sind damit auch Diskriminierung und Stigmatisierung vorausprogrammiert. Viele Menschen fürchten sich irgendwie davor, dass ihnen einmal im Wachzustand zustößt, was ihnen in Träumen widerfährt.

Möglicherweise ist diese Angst einer der Gründe dafür, dass Halluzinationen (Stimmen sind ja akustische Halluzinationen) als so „verrückt“ angesehen werden, dass man sich mit dem Betroffenen keinesfalls identifiziert – und vielleicht ist in der Folge gerade diese Angst ein Grund für Stigmatisierung.

Dies schlägt sich auch bei dem Stimmhörer zu Buche. Wenn die Halluzinationen Angst machen oder sich Wahnideen dazugesellen (also etwa die Idee, dass man von fremden Mächten beeinflusst wird), kann der seelische Druck so intensiv werden, dass man nicht anders kann als sich `mitzuteilen´, sei es dass man direkt darüber redet oder aber sich für Außenstehende `seltsam´ verhält. Dazu kann eine Selbsthilfegruppe der richtige Rahmen sein, in der man verstanden wird, und eine Geborgenheit, trotz des Leidensdruck bekommt.

Wenn für die Umwelt – besonders für Angehörige – offenkundig wird, dass das seltsame Verhalten auf Halluzinationen zurückgeht, entsteht das Problem, wie darauf zu reagieren ist. In dem Buch ‚Stimmenhören’ geht der Autor, Heinz Katschnig, auf diese Frage ein und schreibt: „Die wichtigste Erkenntnis, die wir im Laufe der Jahre aus der Zusammenarbeit mit Angehörigen gewonnen haben, besteht darin, dass es das beste ist, dem Patienten zu verstehen zu geben, dass man seine Sichtweise ernst nimmt, dass man akzeptiere, dass er die Wirklichkeit so und nicht anders erlebt, dass aber auch er akzeptieren möge, dass man selbst die Dinge nicht so erleben könne, wie er.“

Diese Einsicht, so zu reagieren, kann sich erst im Laufe der Zeit entwickeln, da das Umfeld im Alltag viel eher dazu neigen, andere Reaktionsweisen auszubilden. Das geht vom `Nicht Wahrhaben-Wollen´, `Ablenken´ bis hin zum `Mitspielen zum Schein´. Letztlich rät Katschnig den Angehörigen, die Kommunikation mit dem Betroffenen aufrechtzuerhalten, da sonst dieser in seinen irrigen Überzeugungen nur bestärkt wird. Demgegenüber steht ein kommunikatives Verhalten als eine Art korrigierendes ‚feedback’.